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485Grad (13GMP), Köln


MILLE GRAZIE PIZZAIOLO!

Wo bekommt man heute noch eine authentische und tolle Pizza serviert? Diese Frage könnte ich traurigerweise für die Region Stuttgart nur schwer beantworten. Sicherlich gibt es drei, vier ganz gute mir bekannte Adressen, was gemessen an der Anzahl und Dichte von Pizzerien und Lieferdiensten ein absolutes Armutszeugnis ist. Mittlerweile bietet ja auch so gut wie jeder Dönerimbiss Pizza mit Putenschinken, Edamer, Dosenmais, Sucuk oder Dönerfleisch an, was mit einer traditionellen, italienischen Pizza zwar rein gar nichts zu tun hat, aber offensichtlich auch niemanden interessiert, weil der Preis unschlagbar ist - zu Lasten von Qualität und Authentizität.

 

Ich empfinde es sowieso als ein grundsätzliches Problem in Deutschland, dass man häufig nahezu nichts mehr über Zutaten (z.B.  in der Pizzeria) erfährt. Für eine Nachfrage erntet man meistens ein ratloses Gesicht des Kellners (offensichtlich wird es von der Kundschaft auch nicht nachgefragt). So wird meistens nicht einmal mehr die Käsesorte ausgewiesen, sondern nur schlicht mit "Käse" betitelt. Das versinnbildlicht einem sofort den Stellenwert von Herkunft und Qualität von Lebensmitteln in unserer Gesellschaft - Hauptsache viel und billig. Handelt es sich beim Parmesan DOP um einen 24, 36 oder gar 60 Monate gereiften und welche Olivensorte wird als Belag verwendet? OK, das führt etwas zu weit, das sehe ich ein....aber etwas mehr Informationen und somit ein Bekenntnis zu Qualität und Herkunft der Zutaten wären sicherlich schön.

 

Da erfreut es mich doch umso mehr, dass es in Köln und Düsseldorf jeweils zwei Filialen der Pizzeria mit dem Namen "485Grad" gibt. Hierbei bezeichnet 485 Grad (Celcius) die wohl perfekte Temperatur eine Pizza zuzubereiten. Erst neulich (Schande über mich) hatte ich von den Restaurants gelesen, welche für Ihre "Pizzabäckerleistung" immerhin mit 13 Punkte im Gault Millau ausgezeichnet wurden und "echte neaopolitanische" Pizzen anbieten. Ein Wochenendtripp zu Freunden in Köln, brachte uns an einem Samstag-Mittag Anfang September in die Filiale an der Bonner Straße in Köln (nahe dem Chlodwig-Platz) südlich der Altstadt.

 

 

 

 

Es ist sonnig und die wenigen Tische im Freien sind bereits belegt, so dass wir uns nach innen in den angenehm unprätentiösen (vollkommen leeren) Gastraum begeben. Vorbei an der offenen Küche mit dem Herzstück des Restaurants - dem Pizzaofen mit der Aufschrift "485 °" - nehmen wir im hinteren Drittel Platz.

 

Neben sehr guten, hausgemachten Limonaden (z.B. "Ginger Bomb") verfügt das Restaurant über eine äußerst interessante Weinkarte (ausgezeichnet als "Weinkarte des Jahres" vom Gault Millau 2016) mit Spitzenweinen (u.a. tolle Mosel-Rieslinge) zu sehr fair kalkulierten Preisen. Da ich  aber leider direkt nach dem Mittagessen wieder ins Auto steigen muss und rund 400 km Richtung Stuttgart fahren werde, bleiben mir vinophile Freuden leider heute verwehrt. Das hole ich aber bei meinem nächsten Köln-Trip auf jeden Fall nach - versprochen.

Die Speisekarte ist angenehm übersichtlich und beinhaltet 8 Vorspeisen, 16 Pizzen (zwischen ca. 10 - 15 €) und 2 Desserts, was vollkommen ausreichend ist. Die Pizzen haben moderne und trendige Bezeichnungen, wie "Hellboy", "Rocky Balboa's Speckbirne" oder "Mr. Burns" und bewegen sich meist fernab der klassischen Belagskonstellationen, wie "Capriciosa" oder "Funghi". Die Klassiker "Margherita" und "Salame" befinden sich aber auf der Karte.

Die kreativen Belagkompositionen wie z.B. Geröstete Aubergine mit Tikka Masala und Purple Curry oder Provolone, Birne, Südtiroler Bacon, Rucola und karamellisierte Walnüsse, erwecken in mir das Bedürfnis möglichst viel zu probieren - zum Glück sind wir zur viert.

 

Am meisten beeindruckt mich allerdings die Fokussierung auf tolle Zutaten, welche auch auf der Karte ausführlich beschrieben werden. So kommen die Tomaten vom "Bio Gemüsehof Frings" aus der Eifel, das Olivenöl aus der italienischen Region Kampanien und das Purple Curry von Ingo Holland (meinem Lieblingsgewürzkontor). Bei den Oliven handelt es sich um Kalamata-Oliven, der Parmaschinken ist 24 Monate gereift - ebenso wie der Parmesan -  und somit wird meinem Interesse und dem Wunsch nach größerer Transparenz und Wertschätzung bei Zutaten (s. Einleitung) ausführlich Rechnung getragen.

 

Es geht direkt los mit der Vorspeise "Caprese 2.0"

 

Mozzarella Bufala Campana DOP | Cherry-Tomaten „Bio Gemüsehof Frings” (Eifel)

 

Ein Klassiker, welcher hier makellos umgesetzt wurde. Die Tomaten schmecken sehr intensiv und der Büffelmozzarella ist von hervorragender Qualität. (13/20 Punkte)

Nur wenige Minuten später kommen die Pizzen zu uns an den Tisch:

 

"Rocky Balboa’s Speckbirne"


Provolone  | Birne | Südtiroler Bacon Rucola | karamellisierte Walnüsse

 

Sehr stimmige und harmonische Kombination. Sehr lecker und geradezu süffig. Sehr dünner Boden mit tollem, knusprigen Rand.

(14/20 Punkte)

" Just Ham"

 

Tomaten | Fior di Latte Mozzarella Saftschinken einer Koblenzer Metzgerei (Name nicht notiert)

 

So stellt man sich eine tolle Prosciutto vor. Toller, saftiger Schinken.

(13/20 Punkte)

 

"Margherita"


Tomaten  | Fior di Latte Mozzarella Basilikum | Olivenöl Extra Vergine „Gold”- Frantoio Romano (Kampanien)

 

Ein Klassiker - klassisch und hervorragend zubereitet.

(13/20 Punkte)

 

"Holy Guacamole"

 

Avocado-Basilikumguacamole | Rucola | Kreuzkümmel | Kalamata- Oliven | Cherry Tomaten | Süßkartoffelchips

 

Pizza mal anders und überhaupt nicht italienisch, aber trotzdem sehr lecker. Die selbstgemachte Guacamole schmeckt frisch und lecker und harmoniert sehr gut mit den anderen Zutaten.

(13/20 Punkte)

Die Pizzen sind so groß, dass hinterher leider gar kein Platz mehr für ein Dessert war. "Oma's Schokopudding" oder ein Tiramisu waren an diesem heißen Tag leider etwas zu üppig für uns. Das nächste Mal kommen wir an einem kühleren Tag und ohne Auto, so viel steht fest.

FAZIT:

 

Wer in Köln oder Düsseldorf auf der Suche nach einer hervorragenden, authentischen (neaopolitanischen) Pizza und/oder einem guten Glas (oder auch einer ganzen Flasche) hervorragendem Wein ist, wird im 485Grad auf jeden Fall fündig.

Die moderne Konzeption (Schlichtheit und Lässigkeit fernab vom Nobelitaliener mit schweren, weißen Tischdecken und Silberbesteck) und die dargebotene, hervorragende Qualität der Speisen und Getränke überzeugen mich durch und durch. Bleibt nur die Frage: Wann eröffnet die erste Filiale in Stuttgart? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

 

Gesamtpunktzahl:  13,2 Punkte


WEITERE INFORMATIONEN:

Restaurant:          485Grad

Adresse:               Bonner Sraße 34, 50677 Köln

Homepage:           http://www.485grad.de

Tag des Besuchs:  01.09.2018

 

Bewertungen:      

Guide Michelin:   keine Erwähnung

Gault Millau:        13 Punkte (2018)