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Malathounis*, Kernen


Beim Lieblingsgriechen

Kulinarisch gesehen ist das Remstal bei Stuttgart sicherlich eine eher unterschätzte Gegend. Ebenso verhält es sich mit den lokalen Weingütern. Ich habe hier acht Jahre meines Lebens verbracht, und diese Region ausführlich kennen und lieben gelernt.

Hervorragend regional erzeugte Produkte (v.a. Wein, Obst und Gemüse), behagliche Weinstuben und Restaurants mit leckerer, gutbürgerlicher Küche und süffigem, regionalen Wein gibt es hier an vielen Ecken (wenn man die richtigen kennt). 

Natürlich befinden wir uns nicht an der Mosel, in Baden oder im Burgund. Dennoch geht ein immenser Charme von dieser Region aus und die Wirte kalkulieren noch äußerst reell und fair (eben schwäbisch).

Auch wer Spitzengastronomie sucht, wird fündig und kann aus immerhin fünf besternten Restaurants auswählen. Ein Restaurant fällt hier besonders auf: Das weltweit einzige, besternte, griechische Restaurant außerhalb Griechenlands - das Restaurant Malathounis* in Kernen-Stetten.

 

"Modern Greek Cuisine", so bezeichnet Küchenchef und Inhaber Joannis Malathounis (55) seine Küche, welche als zeitgemäße Küche mit traditionell griechischen Wurzeln zu verstehen ist. Bemerkenswert hierbei ist, dass Malathounis völlig alleine in seiner Küche steht und keinerlei weitere Hilfe hat - ein "lone wolf" der Küche sozusagen und Kuriosität in der Sternegastronomie im positivsten Sinne. 

Seine Frau Anna (und Mitinhaberin) kümmert sich herzlich um die Gäste und übernimmt alle Service-Aufgaben (inkl. Sommelière) hervorragend.

Auch in puncto Wein, geht das Restaurant seinen eigenen Weg, in dem es seinen Fokus ganz klar auf Griechenland und Deutschland (Remstal) legt und auch gerne unbekanntere Weingüter den bekannteren vorzieht. Alle reell und äußerst fair kalkuliert - vernünftige Weine zu einem vernünftigen Preis lautet hier das Credo. Malathounis' profunde Weinkarte ist mittlerweile vielfach ausgezeichnet.

 

Die Intension, dieses Restaurant aufzusuchen, hatte ich eigentlich schon seit einigen Jahren, jedoch wollte sich ein Besuch nie so wirklich ergeben. Ein festliches Ereignis Ende Oktober war dann die optimale Gelegenheit "Deutschlands besten Griechen" einmal zu besuchen und ins beschauliche Kernen im Remstal zu fahren.

Obwohl wir über zwanzig Minuten zu früh sind, entscheiden wir uns, das Restaurant bereits zu betreten und werden direkt von Anna Malathounis freundlich in Empfang genommen und an einen Tisch im Hauptraum geführt.

 

 

Das Interieur des Restaurants wirkt auf mich sofort gemütlich und erinnert an Speiselokale in meiner Kindheit, was keinesfalls negativ zu verstehen ist - im Gegenteil. 

Das Restaurant war in früheren Jahren eine Weinstube (typisch für das Remstal) und hat diesen Charme beibehalten.

Die Holzvertäfelung der Wände und der Parkettboden erzeugen eine wohlige Wärme, welche den aktuellen Trendfarben von einheitlichen, mondänen Schlamm- und Grautönen in der Spitzengastronomie meines Erachtens sogar vorzuziehen sind.

Ein Glas Sekt (Kessler Hochgewächs Rosé Brut) aus dem benachbarten Esslingen am Neckar ist ein angenehmer Begleiter für die Menüauswahl. 

 

Das Malathounis bietet zwei Menüs an: ein vegetarisches Menü mit drei Gängen (€ 50,--) und ein Menü mit vier Gängen (€ 72,--). Zudem gibt es noch eine kleine Auswahl an à la carte-Gerichten, welche zum erweitern und kombinieren einlädt.

Eine Weinbegleitung wird mit € 20,-- (vier Gläser)  bepreist, was in der Sternegastronomie seines Gleichen sucht. Eine alkoholfreie Getränkebegleitung wird ebenfalls angeboten (€ 20,--).

Die Beschreibung der Speisen spiegelt wunderbar die modern interpretierte, griechische Ausrichtung der Küche wieder. Landestypische Zutaten oder Zubereitungen, wie "Skordaliá", "Korinthen", "Retsinaschaum", "Taramascreme" oder "griechischer Joghurt", welche in jedes Gericht pointiert einfließen, lassen die Vorfreude auf einen kulinarisch grandiosen, hellenischen Abend ansteigen.

Natürlich wähle ich das vier-Gänge-Menü, welches ich noch um einen Gang (à la carte) erweitere. So lasset den Abend beginnen.

Nach einer Auswahl an frischem Brot mit exzellenten Olivenöl (Kyklopas - Kthmata Premium Selection) aus Griechenland (woher auch sonst?), erreicht uns das Amuse Gueule: roh marinierte Jakobsmuschel | Artischoke | Petersilienwurzel (betitelt als Gemüsesalat).

 

Alle Komponenten sind sauer mariniert und von sehr guter Qualität.

Doch leider will der Funke überhaupt nicht überspringen. Die neutrale Jakobsmuschel wird von der sehr prägnanten Säure der Vinaigrette und den intensiv schmeckenden Petersilienwurzel-Scheiben deutlich überlagert, so dass ich mir die einzelnen Komponenten vornehme. Eine knackige Zuckerschote, welche eine angenehme Süße beisteuert sorgt für einen Lichtblick in einem ansonsten geschmacklich recht wilden und etwas unausbalancierten Teller. Trotzdem schmecken die einzelnen Komponenten (besonders die Artischoke und die Pimientos) für sich genommen sehr gut - etwas schade. 

(13/20 Punkte)

 

Der erste Gang des Menüs ist ein absoluter Knaller: 

Loch Duart-Lachs | süß-saurer Kürbis  | Maulbeeren  | Limette  | griechischer Joghurt  | Taramascreme. 

 

Dieser Teller lässt sofort die kleine Enttäuschung des Amuse vergessen, denn hier stimmt wirklich alles. Ein fantastisches Hauptprodukt (Lachs), welcher von tollen Nebenkomponenten in Szene gesetzt wird.

Die frische, knackige Säure der Limette wird von süßen Maulbeeren, kleinen Baiser-Stücken und dem Kürbis gut umschifft. Der griechische Joghurt steuert eine tolle Cremigkeit und die Taramascreme eine gewisse Jodigkeit bei. Die Kapuzinerkresse belebt mit ihrer vegetabilischen Schärfe. Auf diese Weise schmeckt jede Gabel anders und macht den Teller zu einem absolut kurzweiligen, kulinarischen Erlebnis. (17/20 Punkte)

 

Die hellenische Genuss-Reise legt sogar beim zweiten Gang Felsenrotbarbe  | gefülltes Weinblatt  | Zucchini  | Bergamottecreme noch einen Gang zu.

 

Der Purismus der trivialen Anrichteweise dieses Tellers ist meiner Meinung nach absolutes Understatement.

Die Felsenrotbarbe ist perfekt auf den Punkt zubereitet und die knusprige Haut schmeckt fantastisch. Die gepickelte Zucchini (mit leichter Schärfe), das (exzellente) gefüllte Weinblatt und die Bergamottecreme lassen sich super nach Gusto dazu dosieren. Der Sud auf dem Tellerboden ist zum Niederknien gut und verfügt über eine beherzte, frische Säure, welche diesen Teller exzellent abrundet. Zudem wird gekonnt an der oberen Salzgrenze gespielt. Großes Kino!  (18/20 Punkte)

Es folgt mein eingeschobener à la carte-Gang: Oktopus-Stifado  | Schalotten  | Datteln  | Herbsttrompeten  | Zimt  | Lorbeer.

 

Das klassische, griechische Fleischgericht (hier mit Pulpo) wird von Malathounis perfekt umgesetzt. Die wohlige Hitze, der zarte Oktopus und die tollen Gewürzaromen von Lorbeer und Zimt machen dieses Gericht sündhaft gut. Auch hier setzt Joannis Malathounis wieder geschickt etwas Säure zu und verleiht dem Gericht neben seiner Deftigkeit eine gewisse Leichtigkeit - Wow! (17/20 Punkte)

Mit sicherlich ironischer Anspielung auf die typischen Bezeichnungen von Gerichten ("einmal die Poseidon-Platte bitte") beim Griechen um die Ecke, folgt als Hauptgang des Menüs - die "Delphi-Platte". Es handelt sich genaugenommen um zwei "Platten" - ein Teller mit Wildschweinrücken  | Granatapfeljus  | Mispeln  | Bohnencreme  | Radicchio-Teigtasche und ein weiterer (Satelit) mit geschmorter Wildschweinbacke  | Wildkräutersalat  | gepopptem Schweinebauch  | Quittensenf, welche vollkommen unabhängig voneinander sind.

Der Wildschweinrücken auf dem ersten Teller ist wunderbar saftig, zart und besitzt noch Biss. Knuspriger Weizenknusper sorgt für texturelle Abwechslung. Der Granatapfeljus erinnert geschmacklich an eine klassische Sauerbratensauce, was durchaus positiv gemeint ist und wiederum das Gericht leichter wirken lässt. Die eher neutrale Bohnencreme eignet sich sehr gut die Aromen zusammen zufügen und zu transportieren - ebenso wie die Radicchio-Teigtasche. 

(16/20 Punkte)

Beim zweiten Teller des Hauptgangs steht die butterzarte Wildschweinbacke im Vordergrund. Sie wird genial von der Ätherik der Wildkräuter, der Süffigkeit des Schmorsaftes und der fruchtigen Schärfe des Quittensenfs eingefasst.

Der gepoppte Schweinebauch sorgt für etwas Knusperspaß. Ein absolut hervorragender Teller, welcher mir noch besser wie der erste des Hauptgangs gefällt. Große Klasse! (17/20 Punkte)

Es folgt das Dessert:  Weinschnitte  | weißes Schokoladenmousse  | Karamellcreme  | Granny Smith-Sorbet.

 

Die aufwendig geschichtete Weinschnitte schmeckt hervorragend und hat einen angenehmen Schmelz von weißer Schokolade. Hinzu gesellen sich ein erfrischendes, wässriges Granny Smith Apfel-Sorbet, eine süffige Karamellcreme, knackige Weintrauben und etwas (mit Knallbrause versetzter) Knusper - ein schönes, geradliniges und kurzweiliges Dessert.  (16/20 Punkte)

 

 

 

Mit dem  à-la carte Desert Olivenöl-Schokolade | Aprikosen | Safran-Rahm-Eis | Dinkel-Knusper kommt nochmal ein Knaller an unseren Tisch.

 

Die dunkle Olivenöl-Schokolade schmilzt angenehm auf der Zunge und ist geschmacklich sensationell intensiv, Das hervorragende Safran-Rahm-Eis schmeckt intensiv ätherisch nach Safran und bildet einen tollen Kontrast zur Schokolade. Die Süße der Aprikosen, Zitronenverbene und Dinkel-Knusper mit wahrnehmbarer Nelkennote komplettieren dieses brillante Dessert. (18/20 Punkte)

Die Petit Fours zum Espresso stimmen schon etwas auf die bevorstehende Weihnachtszeit ein und sind durch und durch gut gelungen (manchmal etwas zu trocken). (14/20 Punkte)

FAZIT:

Die Gerichte, welche Joannis Malathounis in seiner kleinen Küche und vollkommen alleine(!) auf den Teller zaubert, sind voller Finesse und durchweg sensationell. Klare mediterrane Aromenwelten, ein fast schon virtuoses Säurespiel und gekonnt hervorgehobene Hauptprodukte sind seine Handschrift. Ob etwas verspielt (Lachs) oder puristisch (Felsenrotbarbe), Malathounis' Anrichteweise zielt immer auf das maximale Genusserlebnis hin und ist absolut geschmacksdienlich. Die Temperierung der Gerichte war tadellos und ist ein weiterer Beweis für Malanthounis' exzellentes Handwerk. Ich werde meinen neuen Lieblingsgriechen  jedenfalls noch häufiger aufsuchen, vielleicht gibt es ja dann eine Posseidon-Platte à la Malathounis? - man darf gespannt sein.

 

Punktzahl: (16,6 / 20 Punkten)


Weitere informationen:

Adresse: Restaurant Malathounis
  Gartenstraße 5, D-71394 Kernen-Stetten
  Tel. 07151-45252
  http://www.malathounis.de
   
Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 12 - 14 Uhr / 18 - 23 Uhr
   
Datum des Besuchs: 27.10.2018
   
Küchenchef: Joannis Malathounis
   
Kosten:

Vier-Gang-Menü € 69,-- / Drei-Gang-(Veggie)-Menü € 49,--  / à la carte: Vorspeisen € 20-30,-- /

Hauptgänge € 35 -40,-- / Deserts € 15 - 20,--

  Weinbegleitung (vier Gläser) € 20,-- / Alkoholfreie Meübegleitung (4 Gläser) € 20,--
   
Weinkarte: zahlreiche Position (Anzahl nicht notiert)
  Fokus: Kleinere Weingüter aus Deutschland (Remstal) und Griechenland
   
Bewertungen: Guide Michelin (2018): 1 Stern
  Gault Millau (2018): 16 Punkte, 2 Hauben