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Le Manoir aux Quat' Saisons**, Great Milton (GB)


Very British mit französischem Akzent

Schrullige, britische  Herrenhäuser, enge, kurvige Straßen, Viehweiden mit Hecken und kleinen, zerfallenen Mauern - so oder so ähnlich kennt man Englands ländliche Regionen. In genau einer solchen Region findet man das Belmond Le Manoir aux Quat' Saisons Hotel , völlig idyllisch und abgeschieden. 

 

Raymond Blanc (69), eine der britischen Koch-Ikonen und Order of the British Empire (OBE), kocht in dieser Idylle, in einem kleinen Dorf nahe Oxford in einem der ungewöhnlichsten Landhotels im Vereinigten Königreich auf Weltklasseniveau und das schon seit über 30 Jahren. Dabei ist Blanc kein Brite, sondern (wie man unschwer an seinem Namen erkennen kann) Franzose.

Große Namen wie Heston Blumenthal (OBE, The Fat Duck***) durchliefen seine Schule im Le Manoir aux Quat' Saisons und prägten die britische Spitzengastronomie. Eingebettet in das Belmond Le Manoir aux Quat' Saisons, einem Relais & Chateau, ist das Restaurant seit 1985 mit zwei Michelin-Sternen dekoriert und gehört zu den bekanntesten Restaurants in Großbritannien.

 

 

Ich betrete das noble Anwesen über eine top gepflegte und wunderschöne Gartenanlage mit kleinen Pavillons, englischem Rasen und liebevoll angelegten Blumenbeeten. Im Sommer muss es hier noch bedeutend schöner sein.

Leider hat der Winter schon Einzug gehalten und es ist unangenehm windig und kalt, so dass man sich leider nur schwer draußen aufhalten kann. 

Als ich das Landhotel betrete, weht mir schon der typische (Belmond-) Luxus entgegen. Eine Traube von professionell lächelnder und beinahe übertrieben freundlicher Service-Mitarbeiter fertigen mich - im positivsten Sinn -  komfortabel ab und ehe ich mich richtig umschauen kann, finde ich mich in einem elegant eingerichteten Kaminzimmer bei einer Tasse English Breakfast Tea wieder. Der Tee erscheint später auf meiner Rechnung mit zehn Pfund, was ich zu diesem Zeitpunkt (glücklicherweise) noch nicht weiß. Zumindest werden sehr leckere Kekse dazu gereicht. 

 

Ein Feuer knistert im Kamin und ich freue mich schon auf mein heutiges Lunch, was bereits um viertel vor zwölf beginnen soll. Langsam füllt sich der Raum auch mit anderen Lunch-Gästen in allen Altersgruppen, was ich sehr angenehm finde, und Aperitife werden ausgeschenkt. Da ich am Nachmittag noch geschäftliche Termine habe, entscheide ich mich für ein erfrischendes Ginger Beer.

Überall findet man Fotos des Küchenchefs Raymond Blanc mit berühmten Persönlichkeiten oder alleine posierend - hier steht die Koch-Ikone klar im Fokus und man darf gespannt sein, ob der Star-Rummel um diese Person gerechtfertigt ist.

Interessanterweise und irgendwie skurril ist, dass das gesamte Service-Personal mit französischem Akzent spricht - das nur so nebenbei.

Die ersten Apéros erreichen mich im Kaminzimmer und bestehen aus einem Selleriecracker mit Thunfischtartar und Misocreme, einem Chip mit geräuchertem Heilbutt, Ei-Creme und Kaviar, Hinzu kommen ein Süßkartoffelcracker mit gepickelten Beeten und eine marinierte Birne mit gerösteten Haselnüssen am Stiel

Der erste Eindruck ist, dass die Apéros sehr kalt sind und vermutlich lange im Kühlhaus gestanden haben, was die Entfaltung der Aromen erheblich hemmt. Dennoch schmecken die Apéros sehr gut. Besser wären allerdings drei bis vier Grad mehr gewesen.

(15 / 20 Punkte)

Der Speisesaal ist schön hell und modern eingerichtet. Über die Fensterfront kann man schön in die Gartenanlage schauen. Ich entscheide mich für das fünf Gänge-Lunchmenü (ca. € 110,--) und es geht direkt los.

Der erste Gang ist eine Blumenkohlsuppe, welche mit Curry-Öl und Mandeln gewürzt ist. Eine perfekt gebratene Jakobsmuschel wird am Spieß zum Dippen dazu gereicht.

 

Die Konstellation Blumenkohl und Jakobsmuschel hatte ich erst drei Wochen zuvor im Marchal* in Kopenhagen. Die Version von Raymond Blanc gefällt mir allerdings bedeutend besser. Das Curry-Öl wurde mit Ingwer, Zitronengras und Chili aromatisiert und verleiht der Suppe einen thailändischen Touch. Die knusprigen Mandeln auf der Suppe machen das ganze texturell interessanter und eine perfekt zubereitete und hochqualitative Jakobsmuschel passt hervorragend dazu. Ein gelungener Auftakt! (16 / 20 Punkte)

 

Es geht weiter mit einer konfierte, leicht geräucherte Lachsforelle mit Gurke, Meerrettich und Dill

 

Dieser Gang ist eine absolute Wucht und schmeckt himmlisch. Der Fisch ist von absoluter Referenzqualität und perfekt zubereitet. Die marinierten Gurkenstreifen mit Dill und einer üppigen Creme von Meerrettich passen vorzüglich dazu und machen dieses an und für sich ziemlich simple Gericht zu einem absoluten Meisterwerk. Große Klasse! (18 / 20 Punkte)

Der nächste Gang besteht aus einem perfekt gegarten Hühnerei mit Brunnenkresse-Püree, Jabugo-Schinken und gerösteten Haselnüssen.

 

Auch dieser Gang ist absolut gelungen und besticht durch eine hervorragend zugängliche Aromen-Komposition. Die altbewährte Kombination aus Ei und krossem Schinken mit gerösteten Haselnüssen, welcher geschickt von der vegetabilischen Schärfe und grünen Note der Brunnenkresse eine weitere Dimension hinzugefügt wird, Großes Kino!

(17 / 20 Punkte)

Mit dem Hauptgang: Geschmorte Rinderquerrippe, geräuchertes Kartoffelpüree und Rotweinessenz folgt dann wieder ein warmes Gericht.

 

Das Fleisch ist sehr zart, jedoch etwas zu trocken. Das geräucherte Püree und die Rotweinessenz kommen sehr wuchtig und intensiv daher. Karamellisierte Zwiebeln, junger Lauch und gebratene Pfifferlinge sind makellos zubereitet und passen ausgezeichnet dazu. Alles in allem ein sehr guter Gang mit leichtem Mangel in der Zubereitung. (15 / 20 Punkte)

Das Dessert mit dem Namen "Le Café" schließt das Menü hervorragend ab.

 

Es handelt sich um ein perfekt dekonstruiertes Tiramisu. Das Kaffee-Eis und die üppige Mascarpone-Creme passen sensationell zusammen. Ein intensives Kakao-Eis, Crumble und Kaffee-Gelée ergänzen diese süffige, lukullische Mélange. Ein paar Blattgold-Flitter wirken schon beinahe übertrieben dekadent in dieser Konstellation und sind überflüssig. Ein absolutes Wohlfühl-Dessert! 

(18 / 20 Punkte)

Den süßen Abschluss zum Espresso bilden hervorragende Petit Fours (u.a. ein Mangosorbet am Stiel).  Alles sehr ordentlich und wohlschmeckend und ein würdiger Abschluss dieses wunderbaren Mittagessens. (17 / 20 Punkte)

Genauso schnell und wuselig, wie ich in dieses Restaurant eingecheckt wurde, checke ich auch aus. Während ich auf das Taxi zum Bahnhof in Oxford warte, leisten mir die Herrschaften mit ihrer unverkennbaren, herzlichen Art und mit französischem Akzent Gesellschaft. Obwohl das ein Aspekt von Luxushotels ist, welchen ich (v.a. in Gesellschaft) versuche zu entfliehen, so ist er in diesen Moment doch sehr angenehm. Doch zurück zum Essen - es war auf jeden Fall ein erinnerungswürdiges Mittagessen und heute Abend geht es nach Cambridge zu Daniel Clifford in ein weiteres, berühmtes Restaurant in England, dem Midsummer H0use**. Aber erst die Arbeit und dann das Vergnügen. 

FAZIT:

Im Le Manoir aux Quat' Saisons erwartet den Gast Haute-Cuisine in schrullig englischer Umgebung. Obwohl es kleinere Makel gab (etwas zu trockenes Fleisch oder durchgekühlte Apéros), so war die Küchenleistung auf sehr konstant hohem Niveau. In jedem Fall ist das Restaurant eine absolute Empfehlung und einen Umweg wert. 

 

Gesamtpunkte: 16,6 Punkte


weitere informationen:

Adresse: Belmond Le Manoir aux Quat'Saisons
   Great Milton, Oxford
  OX44 7PD
  UNITED KINGDOM
   
Öffnungszeiten: Lunch: Mittwoch - Sonntag 11:45 - 14:15 h
 

Dinner: Montag - Sonntag 18:30 - 21:30 h

   
Datum meines Besuchs: 21.11.2018
   
Chef Patron / Chef de Cuisine: Raymond Blanc
   
Kosten: Lunch: 5 Gänge (£ 95,--) / 7 Gänge (£ 145,--) / 3 Spezialitäten (£ 175,--)
  Dinner: 3 Gänge (£ 175,--) / 7 Gänge (£ 195,--)
   
Weinkarte: ca. 30 Positionen (Fokus: Frankreich)
  Günstigste Flasche: Mâcon-Bray, Domaine Boisseau, Burgundy, France, 2015 (£ 65,--)
  Teuerste Flasche: Morey-Saint-Denis, Domaine Cécile Tremblay, Burgundy, France, 2014 (£ 245,--)
   
Bewertungen: 2 Sterne (Guide Michelin 2018)