· 

OX*, Belfast (UK)


Jung, wild, Nord(ic)irisch!

Fine Dining auf den Irischen Inseln ist für mich zugegebenermaßen noch ziemliches Neuland. Umso mehr freut es mich, in den nächsten Tagen

ein paar vielversprechende Restaurants ausprobieren zu können und meinen Erfahrungsschatz in dieser Region etwas zu erweitern.

Alles beginnt in Belfast, meiner ersten Station auf der Insel, und eine sehr schöne dazu.

Auf meinem Plan für heute Abend steht das OX - besternt seit 2016 und die Nr. 46 im Vereinigten Königreich. 2015 wurde es von World’s 50 Best Restaurants als "Hottest restaurant to visit in Western Europe" ausgezeichnet. Aber wer gibt schon etwas auf solche Auszeichnungen? Die Wahrheit liegt (wie immer) auf dem Teller.

Küchenchef Stephen Toman und Restaurantmanager und Sommelier Alain Kerloc’h sammelten viele Erfahrungen in Pariser Dreisternehäusern (wie z.B. dem Taillevent ehem. *** oder Alain Passards L’Arpège***) - sehr vielversprechend.

Zentral gelegen, unweit Belfasts beeindruckendem Rathaus, reiht sich das Restaurant unauffällig in einen Häuserblock direkt genüber der Promenade am Lagan River ein. Neben dem Feinschmecker-Restaurant bietet das Restaurant direkt nebenan, in der Vinothek CAVE, ausgesuchte Weine und kleine Snacks an - für alle die nur auf ein Glas Wein einkehren möchten.

 

Das Interieur des Gourmetrestaurants ist äußerst puristisch eingerichtet und wird hauptsächlich von dunklen Holztönen bestimmt. Mich erinnert der Innenraum sofort an so manches nordische Restaurant (z.B. das Volt in Stockholm). Von der Decke herabhängende Lampen versprühen warmes Licht und betonen die Holzmaserungen des Bodens und der Tische. Es wirkt rustikal und gemütlich.

In der offenen Küche kann man die jungen Köche bereits konzentriert und still arbeiten sehen. Nach einer sehr herzlichen Begrüßung und der Aufnahme meiner Bestellung (ich wähle das sechs Gänge Menü "OX Winter Tasting" mit glasweiser Weinbegleitung, ca. € 111,--), geht es auch schon direkt mit den Apéros los:

Ein feines Tartlette mit Feige, Foie Gras, Earl Grey und Shiso schmeckt exzellent und besitzt einen schönen Schmelz (17 / 20 Punkte). Das dazu gereichte Gougère (eine Art Windbeutel) mit irischer Coolattin Cheddar-Füllung schmeckt ebenfalls sehr schön (15 / 20 Punkte) - ein herzhafter, harmonischer Beginn.

Ohne (weiteres) Amuse Bouche geht es direkt mit dem ersten Gang des Menüs los -einer Schale mit Sellerie, Liebstöckel, schwarzem Trüffel und krosser Hühnerhaut. So süffig und wohlschmeckend sich diese Kombination anhört, so schwierig ist sie jedoch. Sellerie (als Püree und gegrilltes Stück) und Liebstöckel überdecken mit ihrer Intensität die übrigen Mitspieler derart, dass ich große Mühe habe überhaupt etwas vom schwarzen Trüffel zu schmecken. Auch die Hühnerhaut ist nur texturell warnehmbar und geht vollkommen unter - etwas schade, trotz gutem Handwerk. (13 / 20 Punkte)

Es geht weiter mit leicht geräuchtertem, rohen Kalb (als Tartar), Steckrübe, fermentiertem Knoblauch und Verjus. Dieser Gang gefällt mir schon bedeutend besser. Die nordisch puristische Anrichteweise ist absolut sinnvoll und funktioniert sehr gut. Die Säure des Verjus passt genial zu den Steckrüben und das darunter befindliche Kalbstartar schmeckt hervorragend (ist nur einen Hauch zu warm). Die herzhaft, süßliche, schwarze Knoblaupaste lässt sich nach belieben hinzudossieren und harmoniert prächtig - ein starker Teller! (16 / 20 Punkte)

Die exzellent zubereitete Tranche eines Heilbutts ist der Protagonist des nächsten Gangs. Die Mitspieler sind eine intensive Rotweinsauce (!), wilder Broccoli (gegrillt und als Püree), frittierte Seealge und ein hervorragendes Basilikum-Gnocchi.

Was sich im ersten Moment ziemlich unkonventionell anhörte, entpuppte sich als ein fantastischer, aromenstarker und ungemein vielschichtiger Teller. Die Rotweinsauce harmoniert sehr gut mit dem Fisch, der Broccoli bringt kohlartige Noten ein, die Alge steuert jodige Aromen bei und der Basilikum des Gnocchi passte einfach genial dazu. Alle Aromen passen sehr gut zusammen und jede Gabel lässt sich unterschiedlich feinjustieren, um jedesmal ein anders betontes Geschmacksbild zu erhalten. Klasse! (17,5 / 20 Punkte)

Der Hauptgang hält das Niveau ohne Probleme und besteht aus einem exzellentem Châteaubriand, Bärlauch, Schwarzwurzel und leicht geräuchertem Knochenmark. Was diesen Teller so hervorragend macht, sind in erster Linie seine tollen Raucharomen, welche durch das (über Holzkohle) gegrille Rindfleisch und das leicht geräucherte Knochenmark abgegeben werden. Die Qualität des Fleisches ist eine Klasse für sich, und die Zubereitung über Holzkohle hat es zudem sehr aromatisch gemacht. Der Bärlauch fügt sich herrvorragend ein und die Schwarzwurzel ist eine stimmige Ergänzung. Sehr schön! (17 / 20 Punkte)

Den Käsegang lasse ich mir natürlich nicht entgehen. Er besteht aus drei irischen Spezialitäten: Durrus Óg (mild und leicht würzig), Shepperd's Store (ein kräftigerer Weichkäse) und Boyne Valley Blue (ein sehr kräftiger Blauschimmelkäse). Alle Käse sind durchweg hervorragend und werden durch einen Salat aus fermentiertem Sellerie mit Weintrauben und Sauerteigbrot-Chips herrvorragend begleitet. Sehr schön! (o. B.)

Der süße Abschnitt des Menüs wird durch ein sehr schön frisches pre-Dessert eingeleutet. Rhabarber, Rosa Pfefferbeeren und Blutorange bilden eine schön säuerlich-pikante Kombination. De Pfeffer sorgt für eine dezente Schärfe und passt aromatisch hervorragend.

(16,5 / 20 Punkte)

Das Hauptdessert besteht aus der unkonventionellen Kombination aus Hopfen, Hafer, Bienenpollen und einem Radler-Sorbet. Zu meiner Überaschung kann ich keine Bitternoten feststellen, sondern ausschließlich wirklich schöne buttrige und frisches Aromen. Auf dem Tellerboden befindet sich ein buttriger Haferkeks, welcher mit einer Honigcreme mit Bienenpollen und dem zitronigen Radler-Sorbet belegt ist. Den (bitteren) Hopfen habe ich geschmacklich nicht wahrnehmen können - sei's drum. Ein würdiger Abschluss eines sehr guten Menüs.

(16 / 20 Punkte)

Der Abschluss bildet ein schöner Esspresso mit handwerklich soliden Petif Fours, bestehend aus einem gefüllten Salzkaramell-Keks, einer Rosmarin-Schokoladen-Praliné und einem Passionsfrucht-Gelee. (16 / 20 Punkte)

Weinbegleitung:

Die Weinbegleitung harmonierte sehr gut mit den Speisen. Es war  jedoch kein errinerungswürdiger Tropfen dabei, welcher hier nennenswert wäre.

1. Gang: Sellerie Penon 2016, Nals Margreid, 13,5%, Italien
2. Gang: Steckrübe und Kalb Rosé, 2017, Sebestyén Csaba, 12%, Ungarn
3. Gang: Heilbutt Soli, 2015, Edoardo Miroglio, 13,5%, Bulgarien
4. Gang: Châteaubriand Velvet, N.V., Pittnauer, 13%, Österreich
5. Gang: Käse keine gesonderte Begleitung
6. Gang: (Dessert) Moscato Passito Palazzina, 2014, Il Cascinone, 14%, Piemont

Mein Hotel liegt glücklicherweise nur wenige Gehminuten entfernt, als das nordirische Wetter gerade seine weniger schöne Seite zeigt. Und obwohl es regnet und windet, kann das Wetter meine Laune nicht nennenswert trüben. Ich hatte heute einen sehr schönen, kulinarischen Abend bei herzlichen Gastgebern. Thank you very much!

FAZIT:

Das OX in Belfast besticht durch eine geradlinige, saisonale (leicht nordisch inspierierte) Hochküche, welche dem Gast unkompliziert nahe gebracht wird. Ein tolles Restaurant mit jungen Leuten und einem talentierten Küchenchef, welches in jedem Fall nach einer Wiederholung schreit.

 

Gesamtpunkte: 15,9 Punkte


Weitere Informationen:

Adresse: OX Belfast
  1 Oxford Street, Belfast BT1 3LA
  UNITED KINGDOM
   
Öffnungszeiten: Dienstag - Freitag: 12:00 - 14:30 h / 18:00 - 21:30 h
  Samstag: 13:00 - 14:30 h / 18:00 - 21:30 h
   
Datum des Besuchs: 13.03.2019
   
Chef de Cuisine: Stephen Toman
   
Kosten: 6 Gänge ca. € 70,-- (Weinbegleitung ca. € 41,--) am Abend
  Lunch Set: 2 Gänge ca. € 26,-- / 3 Gänge ca. 33,--
   
Bewertung: Guide Michelin (2019): 1 Stern