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Era Ora*, Kopenhagen (DK)


L'Italianø

Wenn ein Restaurant mit dem Prädikat "Bestes italienisches Restaurant außerhalb Italiens" oder sonstigen Superlativen bewertet wird, ereilt mich immer eine gewisse Grundskepsis. Wie kann man so etwas valide behaupten? Und was sind die Bewertungskriterien?

In Kopenhagen so etwas zu behaupten wäre wahnwitzig, wenn nicht zumindest ein Funke Wahrheit bzw. Nachvollziehbarkeit dran wäre. Mit dem Enomania oder dem Brace gibt es zumindest schon zwei italienische Spitzenrestaurants in der Stadt, welche für mich in Sachen Kulinarik & Esskultur sowieso nahezu einmalig ist.

Mein Mittagshunger führt mich heute in das einfach besternte italienische Restaurant Era Ora (deutsch: Es ist Zeit), welches eben mit diesem o.g. Superlativ von Gambero Rosso 2017 ausgezeichnet wurde. Mit seinem italienischen Pioniergeist hat Eigentümer Elvio Milleri (nach eigenen Worten) Anfang der 80er Jahre die italiensche Esskultur nach Dänemark gebracht und hält seit mittlerweile 23 Jahren einen Michelin-Stern. Entgegen der Präferenz vieler dänischer Restaurants für lokale Erzeuger, setzt das Era Ora auf direkt importierte Lebensmittel aus Italien. Ich bin jedenfalls sehr gespannt.

Beinahe unscheinbar reiht sich das terracotta-farbene Gebäude direkt an einem idyllischen Kanalarm im schönen Christianshavn in einen uneinheitlichen Häuserblock ein. Lediglich eine kleine, goldene Plakette offenbart, dass ich hier richtig bin. Auf mein Klingeln erfolgt keine Reaktion, also trete ich ein. 

Sogleich empfängt mich der spritzig charmante (offensichtlich) italienische Servicemitarbeiter und führt mich in den edlen Gastraum des Restaurants.

Der Raum ist äußerst elegant und ebenso wie die Außenfassade in Gold- und Teracotta-Tönen gehalten. Mein Tisch befindet sich im hinteren Teil direkt an einem bodentiefen Fenster, hinter welchem sich ein schicker kleiner Außenbereich zeigt. Insgesamt eine schöne Wohlfühlatmosphäre, welche fast ausschließlich durch Tageslicht gespeist wird, was mir besonders gefällt.

Mittags bietet das Restaurant ein Mittagsmenü mit bis zu fünf Gängen an. Ich wähle die Vier-Gänge-Variante (ca. € 91,—) und lasse den (Ziegen-)Käsegang außen vor. Da ich anschließend leider noch geschäftliche Termine wahrnehmen werde, fällt jegliche alkoholische Getränkebegleitung leider flach.

Eine Garnele aus Süditalien, mit Meereskräutern und eine Bisque aus Garnelenköpfen markiert den Start und schmeckt intensiv jodig nach Meer. Die Garnele ist von sehr guter Qualität, die Bisque hätte ruhig etwas intensiver daher kommen dürfen. Ein schöner Start ist dieses Amuse Bouche allemal. (15 / 20 Punkte)

Es folgen direkt noch zwei Apéros (Stuzzichini): Ein Tartlette mit intensiver Tomate, scharfer Chili und einem Artischocken-Eis und ein fragiler Happen mit glasiertem Wolfsbarsch und knuspriger Fischhaut in einer Pfefferkruste. Beide Kleinigkeiten sind schön gearbeitet und schmecken hervorragend. (16 / 20 Punkte)

Das Menü startet offiziell mit einem Klassiker des Hauses: Seeteufel & Langoustine. Hinzu kommen Saubohnen (Fava Beans) in verschiedenen Zubereitungen (bissest gekocht und als eine Art Flan) und eine Langoustinen-Consommé, welche direkt am Tisch angegossen wird. Insgesamt gefällt mir das Gericht sehr gut. Die Qualität des Kaisergranats ist gut, aber haut mich leider nicht vom Hocker. Die Garpunkte sind getroffen. Die angegossene Essenz schmeckt leicht jodig, aber enthält etwas zu wenig Salz für meinen Geschmack. Der Clou ist aber die frische Minze, welche dem Gericht eine schöne und elegante Note verleiht und perfekt mit den anderen Aromen harmoniert. Ein schöner Teller! (15,5 / 20 Punkte)

Nach etwas sehr gutem hausgemachten Ciabatta mit Frischkäse, folgt nun das Pastagericht des Menüs. Ein im Offen gebackenes Nido de Rodines (deutsch: Schwalbennest) gefüllt mit jungem Parmesan (Reifedauer 6 Monate), Eigelb und weißem, gehobeltem Trüffel. Hinzu kommt etwas frischer Spinat und zweierlei Soßen aus Chipotle und Spinat. Das flüssige Eigelb transportiert das herzhafte Parmesan-und Trüffelaroma wunderbar und die Chipotle-Sauce steuert etwas pikante sind rauchige Noten bei. Soulfood in Reinstform. (16,5 / 20 Punkte)

Der Hauptgang besteht aus mehreren Zubereitungen vom Jungen Zicklein und ist das Highlight des Menüs. Ich habe tatsächlich vergessen, diesen Gang direkt nach dem Servieren zu fotografieren und hab das (leider) ungeschickt im fortgeschrittenen Essstadium nachgeholt - Bitte entschuldigt mir diesen Fauxpas. Die Ziege wurde gemäß der nose-to-tail Philosophie komplett verarbeitet. Das Fleisch ist von hervorragender Qualität. Das Filet wurde zartrosa gebraten, die Keule geschmort und mit Brickteig ummantelt: Die Innereien wurden fein gehackt und kurzgebraten. Eine intensive und herrlich dichte Jus, welche etwas mit Sahne versetzt ist, ist zum Augenschließen gut. Ein mit fruchtig-säuerlichen Himbeerpulver bestäubter Salatstrauß setzt erstaunlicherweise einen schönen frischen Kontrast. Sensationell! (18 / 20 Punkte)

Ein Canelé bildet den Stiel eines Fliegenpilzes, der Hut besteht aus einem Mousse von weißer Schokolade, welcher mit einem Erdbeergelée überzogen ist. Optisch gesehen ist das Dessert ein richtiger Knaller und fängt das Thema Wald schön ein. Ein Pilz-Eis und sautierte, kalte Buchenpilze bringen erdige Noten ein, müssen aber weise dosiert werden, da es sonst sehr schnell zu sehr nach Waldboden schmeckt - im negativen Sinn. Die sehr unkonventionelle Aromenkomposition wird durch frische Oregano-Blättchen noch komplexer, aber leider nicht besser. Getrocknete Erdbeerscheiben bringen zusätzlich etwas Süße ein, der buttrige Crumble etwas Herzhaftigkeit. Insgesamt ein kreatives, jedoch nicht immer harmonisches Dessert. (13,5 / 20 Punkte)

Die Petit Fours sind durch und durch gut gelungen und beenden ein sehr gutes Mittagessen souverän. (16 / 20 Punkte)

fazit:

Es ist realitätsfremd anzunehmen, dass das Era Ora tatsächlich das beste italienische Restaurant außerhalb Italiens ist. In jedem Fall ist es ein tolles Restaurant mit hervorragend italienisch inspirierter mediterraner Küche und ein super Lunch-Tipp in Kopenhagen. Wiederholung nicht ausgeschlossen. 

 

Gesamtpunktzahl: 15,8 Punkte


weitere informationen:

Adresse; Era Ora
   Overgaden Neden Vandet 33B
  , 1414 København, Denmark
   
Öffnungszeiten: Mo 18:30 - 0:00 h / Di. - Sa. 12:00 - 16:00 h u. 18:30 - 0:00 h
   
Datum des Besuchs: 14.05.2019
   
Chef de Cuisine:  Antonio di Criscio 
   
Kosten: Lunch 5-Gänge (ca, € 114,--) / Dinner 7 Gänge (ca. € 167,--)
  Geringere Gang-Anzahl möglich
   
Bewertungen: 1 Stern (Guide Michelin Nordic Countries 2019)